Sonntag, 4. August 2013

Barfuß-Schuhe und Hiking



Seit gut zehn Jahren laufe ich jetzt im Ballengang. Genau so lange beschäftige ich mich mit dem Thema Schuhe, denn zu enge Schuhe mit Absatz oder Sprengung sind einfach Gift für dieses Bewegungsmuster. Glücklicherweise schwappt der Minimalschuh-Trend aus den USA immer stärker nach Deutschland. Verschiedene Hersteller präsentieren Modelle, die die unterschiedlichen Kunden-Typen ansprechen. Als Therapeut bin ich froh, wenn meine Klienten „einen“ Barfußschuh anschaffen. Es muss nicht immer der funktionalste Schuh sein. Über die Jahre habe ich gelernt, dass Geschmäcker sehr verschieden sind und einen großen Einfluss auf die Schuhwahl haben. Da ist mir ein Schuh mit Nullabsatz und etwas weniger Zehenfreiheit am Fuß meiner Klienten lieber als ein optimaler Schuh, der nicht gekauft wird. Ich bin da eher pragmatisch.


Eine Frage, die über die Jahre häufiger aufkommt, beschäftigt sich mit dem Thema Hiking oder Wandern, wenn man nicht ganz so neu-deutsch sein möchte. Auch, wenn die meisten Klienten sehr schnell verstehen, dass ein Schuh, der möglichst nah am Barfuß-Gefühl ist, für das Nervensystem am optimalsten ist, bleibt doch die Frage, welche Schuhe auf Geröll oder unwegsamen Wegen am besten ist.




Bisher habe ich die Frage immer theoretisch beantworten müssen. Grundsätzlich haben sich unsere Vorfahren ohne oder mit sehr minimalistischen Schuhen auf eben so einem Grund bewegt. Warum sollten wir es also nicht können und dafür dicke Gummisohlen benötigen? Zur Sicherheit kauften viele Klienten für Ihre Wandertrips dann letztendlich doch Wanderschuhe ohne Zehenfreiheit, mit Absatz und dicker Sohle ohne Gefühl und Kontakt zum Boden. Schade eigentlich.



Letzten Monat konnte ich die theoretische Antwort in eine praktische umwandeln. Die Gelegenheit war ein Survival-Seminar, das mich über 2,5 Tage in die Berge der schönen Voralpenlandschaft im Ostallgäu führte. In den Tagen wurden etwa 1000 Höhenmeter bewältigt und wir bewegten uns hauptsächlich abseits befestigter Wege, schlugen uns Nachts durch das Unterholz, kraxelten über Geröll Berge hinauf, folgten Flussläufen ins Tal und seilten uns ab. Insgesamt also ein Pensum, das durchaus etwas heftiger war als das, was ein normaler Hiker hinter sich bringt. An den Füßen ein Barfußschuh. Und ja es hat super funktioniert. 4mm Sohlenstärke reichen vollkommen aus, um solche Strecken selbst mit Gepäck zu bewältigen. Sowohl bergauf als auch bergab kommt der Ballengang wunderbar zum Einsatz. Auf flacher Strecke erschwert der Rucksack, der den Körper nach hinten zieht, die Angelegenheit ein wenig. Wo der Untergrund aber uneben ist und nicht klar ist, wie das Terrain beschaffen ist, da fällt das Nervensystem wie von selbst in ein vorsichtiges Vorantasten mit dem Ballen.



Also liebe Klienten und Blogleser – Wenn es wieder einmal zum Hiken geht, packen Sie ruhig die Barfußschuhe ein. Es funktioniert und Sie werden die Natur noch bewusster wahrnehmen ;) Die Klötze an den Füßen sind eben genau das: „Ein Klotz am Bein“ :-)


 

P.S. Ich möchte hier nicht groß Werbung machen für das von mir verwendete Schuhmodell. Zusätzlich zu meinen üblichen Kriterien (Nullabsatz/Zehenfreiheit/geringes Gewicht/dünne Sohle) kamen für diesen Einsatzzweck noch ein paar Sonderfaktoren hinzu.

Da ich wusste, dass wir nachts unterwegs sein würden, entschied ich mich für einen Schuh, der über dem Knöchel schließt. Normalerweise sollten Schuhe den Knöchel nicht einschränken. Hier stand aber die Überlegung im Vordergrund, trockene Füße zu behalten, auch wenn man nachts in eine Pfütze oder ein Schlammloch tapst. Gleichzeitig war es so einfacher die Hose über den Schuhen zu fixieren, um Krabbeltieren und Blutsaugern den Weg etwas zu erschweren. Wenn man nicht querfeldein geht und auch die Nacht nicht nutzt, dann ist dieser Gedanke überflüssig. Dann sollte der Schuh robust genug sein, um den Einsatz auch zu überstehen. Die Wahl fiel auf ein Modell eines Herstellers in Süddeutschland (Nimbeltoes), das bei mir allerdings im Alltag nicht zum Tragen kommt und nur für solche Off-Road-Trips eingesetzt wird. Ich bin mir sicher, dass Sie unter den Anbietern den Schuh Ihrer Wahl finden. ;)

Für die richtige "Technik" empfehle ich das Ballengang Online Video Training (klicken)

Kommentare:

  1. Im Gelände mit MInimalschuhen ist wirklich eine nette Erfahrung wie ich zwischen Weihnachten und Neujahr im Urlaub bei Prerow gemerkt habe.
    Mit Minimalschuhen (und bei angenehmen Wetter ganz ohne Schuhe) bin ich jetzt nahezu 1 Jahr unterwegs, es waren aber keine heftigeren Touren dabei sondern die eher normalen alltäglichen Strecken.
    Jetzt im Urlaub haben wir mit Freunden einige Touren um die 15 Kilometer durch Sand am Strand und im Wald auf teilweise weichem, aber auch sehr harten, steinigen, holzigen, piksigen Boden gemacht und siehe da, auch solche Touren kann man mit Minimalschuhen sehr gut meistern. Angenehmer als barfuss und vor allem noch wesentlich angenehmer als die Mitwanderer die wirklich dicke und klobig/schwere Wanderschuhe anhatten.

    In dem Sinne, wagt euch auch an die größeren Touren in "schwererem" Gelände, es geht besser als man denkt.
    Viele Grüße
    Holger Schmitz

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  2. Hallo,
    vielen Dank für das Feedback.

    Kann ich wie gesagt auch nur absolut bestätigen. Ich laufe seit etwas mehr als 10 Jahren hauptsächlich in "Barfuß-Schuhen". Die beiden Survival-Trips waren vom Gelände und auch von der Dauer sicher etwas extremer als der Alltag. Aber auch bei Geröll, Fels, Wald und Wiese kein Problem :)
    Beste Grüße aus Düsseldorf zurück und danke fürs Mitlesen und Mitgestalten.

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  3. Hallo,

    wer beim Wandern schon mal umgeknickt ist oder insgesamt motorisch um den Fuß herum etwas eingeschränkt ist, wird nachvollziehen können, dass es gute Gründe gibt, weswegen ein stabiler Wanderschuh einem leichten Trekking- und Hikingschuh vorzuziehen ist. Wenngleich ich die in diesem Artikel dargelegten Argumente verstehen kann, bin ich doch selbst eher ein Fan von festem Schuhwerk, welches mir auf unbefestigten Wegen halt gibt. Letztlich muss das natürlich jeder selbst entscheiden.

    Liebe Grüße

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    1. Hallo David, vielen Dank für deinen Beitrag.

      Ich kann deine Argumentation sehr gut verstehen. Es hat etwas vom alten "Henne und Ei"-Problem.

      Wenn dein Konstrukt "Fuß" durch wenig Bewegung, falsche Schuhe und falsche Bewegungsmuster bereits geschwächt und anfällig ist, macht es natürlich wenig Sinn zum Einstieg eine Trekking-Tour in Minimalschuhen zu machen. Das kann ich wirklich niemandem empfehlen.

      Wenn du allerdings bereits im Alltag viele abwechslungsreiche Bewegungen integriert hast und Barfußschuhe nutzt, dann besteht bei solchen Trips kein Grund für "Stabile" Schuhe. Allerdings erfordert das ggf., dass du dich achtsamer bewegst und nicht alles "plattwalzen" kannst.

      Özi und Freunde haben haben in minimalem Schuhwerk selbst Alpine Regionen bezwunden. (Auch wenn das eine der wenigen Bereiche ist wo ich auch auf "Dicke" Schuhe umsteigen würde).

      Beste Grüße aus Düsseldorf

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  4. Ich besitze einen Schuh, mit einer flachen beweglichen Sohle, wenn man die Innensohle mit Fersen-Erhöhung heraus nimmt.
    Ist es nun, solange der Ballengang sich bei mir in Schuhen nicht einstellt, besser, ohne Dämfende Sohlen-Erhöhung auf dem Asphalt zu laufen- und um so schädlicher?
    Habe letzens einen Test gemacht und bin draußen, in flachen, ungedämpften Schuhen spazieren gegangen und habe deutlich die Stöße gefühlt, wenn ich mit der Ferse aufkam, obwohl ich den Eindruck haben, dass ich barfuß/sockig nicht so laufe.

    Genauso mit meiner 3-jährigen Tochter. Im Ballengang laufen Kleinkinder ja noch nicht. So habe ich in ihren Schuhen (mit einigermaßen flachen und flexiblen Sohle) die Fersenerhöhung aus Schaumstoff abgekratzt. War das nun gut, oder eher nicht, weil die Wirbelsäule nun mehr Stöße abbekommt? Wobei sie ja barfuß genauso läuft...

    Und nochmal generell die Frage: Stellt sich der Ballengang bei uns Erwachsenen nicht automatisch ein, wenn man jetzt zB in Barfußschuhen läuft? Muss man das erst trainieren?

    Danke schonmal. :)

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    1. Hi Neleh
      Tja das ist immer so ein Problem: Wenn du Barfuß über die Ferse donnerst oder in Minimalschuhen ist das natürlich schlecht. Fersensporn Gefahr usw. Die funktionale Lösung wäre allerdings auf das Feedback (Ferse tut weh) adäquat zu reagieren (Dann über den Vorfuß) und eine Veränderung einzuleiten. Vielleicht ist dein Schuh auch noch nicht Minimal genug.

      Kinder machen in dem Alter überigens gerade den Ballengang, wenn man sie nicht zu früh in Schuhe (falsche Schuhe) gesteckt hat oder zu früh zum Laufen gedrängt hat, denn dann starten sie mit einem noch nicht ausgereiften Muster und behalten das bei. Schau mal hier rein, bei meiner Tochter habe ich es mal dokumentiert https://youtu.be/FPjEtXeZI1o?list=PL8dql1rFT1zTy96kaLjLZtueFLr8aXYOw

      Als Erwachsener musst du es leider erst wieder neu lernen oder eben sehr viel barfuß oder mit sehr minimalen Schuhen gehen. Schuhen, die an sich noch eine Einlage mit erhöhter Ferse dabei haben, würde ich aus dem Bauch erstmal attestieren, dass sie nicht dem Barfußschuhkonzept verpflichtet sind. Wer weiß wie da die Sohle ist ;-)

      Grüße

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